Sabine Kuehnle
The Legacy of the Seeress
The Legacy of the Seeress
The Legacy of the Seeress
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The Legacy of the Seeress
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The Legacy of the Seeress
The Legacy of the Seeress

Eröffnungsrede von Britta Schröder

Nehmen wir an, ich würde Sie jetzt reihum bitten, uns Ihren jeweiligen Lieblingsfilm oder Ihr Lieblingsbuch zu nennen und uns die Handlung nachzuerzählen: Wie genau wüssten Sie zu berichten, was in diesem Film oder in diesem Buch passiert? Könnten Sie noch die Namen der Figuren benennen, exakt die Reihenfolge der Ereignisse nachzeichnen?

Mir persönlich würde es wohl so gehen: Ich könnte die Bücher und Filme, die mich besonders beeindruckt haben, nur fragmentarisch wiedergeben, obwohl ich sie sehr aufmerksam gelesen bzw. gesehen habe. Gewiss könnte ich die Stimmung beschreiben, die darin herrscht. Auch der eine oder andere Satz ist mir sicher geblieben, ein Dialog, ein Überraschungsmoment vielleicht, eine Lichtsituation oder eine Geste. Geblieben ist aber auch und vor allem das, worum es in diesen Büchern oder Filmen im Kern ging, die Essenz. Die, die mich besonders bewegt oder zum Nachdenken angeregt haben, trage ich mit mir, in mir. Aber nicht als Film oder als Buch, sondern als eine Erfahrung. Als etwas, das zu mir durchdringen konnte, weil es Antworten gibt oder Gegenentwürfe aufzeigt, weil es einen Gleichklang ermöglicht – und irgendwie auch das Gefühl, mit meinen Fragen nicht allein zu sein.

Worauf ich hier zunächst hinauswill, ist der Prozess der Einverleibung dessen, was wir sehen, hören, erleben. Der französische Lyriker Paul Valéry (1871–1945) notierte in seinen Cahiers (6, 117), nichts sei eigener, als sich von den anderen zu nähren, aber man müsse diese anderen auch verdauen: «Der Löwe besteht aus verdautem Schaf.»

Manches von dem, was wir sehen, hören, ertasten, bleibt in uns haften, wird sozusagen zum Sediment des eigenen Ich – und was neu hinzukommt, sickert in diesen Bodensatz ein oder wird durch ihn gefiltert. Manches taucht in Träumen wieder auf und gibt uns so zu erkennen, dass es nicht verloren ist, sondern noch da, irgendwo zwischen Abertausenden von anderen Eindrücken, die uns und unsere Sicht auf die Welt prägen.

So wie jeder Mensch aufgrund seiner individuellen Erfahrungen sein eigenes Sediment aus Erinnerungen und Eindrücken besitzt, so ist die Menschheit als Ganzes durch einen gemeinsamen Erfahrungsraum verbunden. Abgesteckt wird diese Allmende der besonderen Art durch unser Wissen um die Endlichkeit des Lebens, durch unsere existenziellen Ängste, unsere Triebe, unsere Sehnsüchte, unsere Herkunft aus der Natur und unsere Abhängigkeit von der Natur. Genau dies sind auch die zentralen Themen der Mythologie: Im Sediment uralten kollektiven Wissens und im Sediment des kollektiven Unbewussten haben Mythen und Sagen ihre Wurzeln. Sie handeln stets von existenziellen Fragen, von Verantwortung, Nöten und den gewaltigen Kräften der Natur. Wie Träume kennen sie weder Zeitlichkeit noch Maß, sondern nur die Kernfragen des menschlichen Seins. Warum erzähle ich das alles? Jetzt. Hier. Inmitten der Installation von Sabine Kuehnle?

Weil genau diese Kernfragen die Themen sind, die auch im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeiten stehen. Sie durchkämmt die Sedimente der menschlichen Existenz, indem sie den Spuren literarischer oder historischer Personen folgt, die sich – jede auf ihre eigene Weise – ganz der Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit hingaben. Sie nähert sich ihnen zunächst lesend, schauend, aufnehmend. Mit dem Dichter Friedrich Hölderlin etwa, einem rastlos Suchenden, hat sie sich intensiv befasst. Auch mit der Kalevala, einer Sammlung finnischer Mythen und Heldensagen, die bildstark ist wie alle Mythologien, weil Mythen stets überzeichnen. Im Fokus ihrer jüngsten Arbeiten und eben auch der hier gezeigten The Legacy of the Seeress – zu deutsch: Das Vermächtnis der Seherin – steht eine Dichtung aus der sogenannten Lieder-Edda, einer Sammlung von Götter- und Heldenliedern aus der nordischen Mythologie, niedergeschrieben im späten 13. Jahrhundert. Dieses Gedicht heißt Völuspá, die Weissagung der Seherin. Die Seherin Völva berichtet darin von der Entstehung der Welt und von deren Ende, das wiederum einen Neuanfang markieren wird. In ihrer Schilderung kommt auch die Esche Yggdrasill vor, die in der nordischen Mythologie den gesamten Kosmos verkörpert. Ihre Wurzeln reichen tief hinab zu einer Quelle, an der drei Mädchen wohnen. Sie bestimmen über das Schicksal, ihre Namen lauten übersetzt: das Gewordene, das Werdende und das, was da kommen soll.

Was der Vision der Seherin nach kommen wird, ist ein Krieg: «Axtzeit, Schwertzeit, gespaltene Schilde, Windzeit, Wolfszeit, bis die Welt zu Grunde geht». Und mehrfach fragt sie in ihrem düsteren Bericht: «Wisst ihr nun noch etwas»? – Ein Fingerzeig, ein Mahnen, das heute, über 700 Jahre später, aktueller kaum sein könnte.

Sabine Kuehnle hat das Gedicht aus der Lieder-Edda mit ihrer Installation weder illustriert noch räumlich übersetzt. Vielmehr lässt sie die Figuren und Geschichten, mit denen sie arbeitet, in sich ein und lässt sie wirken, sodass sie sich mit anderen Eindrücken, Figuren, Bildern und Geschichten verbinden können und neue Erzählungen und Räume auftun. Der Weg dahin kommt manchmal einer präzisen wissenschaftlichen Recherche gleich und vollzieht sich dann wieder rein assoziativ. Die Trennung zwischen konzentrierter Suche und freiem Driften wird aufgehoben, das Bewusste und das Unbewusste fließen ineinander – so wie die Esche Yggdrasill Himmel und Erdreich verbindet und so wie sich in jeder Wasserlache am Boden die Wolken spiegeln können.

Auch mit der Aufhebung der Trennung zwischen dem Gemachten und dem Gewordenen spielt Sabine Kuehnle immer wieder: Die Leinwände, die Sie hier hängen sehen, hat sie mit Erdpigmenten versehen und über Monate im Wald ausgelegt, sodass die Natur sich ihnen unmittelbar einschreiben konnte. Die Zeichnungen hier an der Wand sind (übrigens wie die gläsernen Pfützen) während eines Aufenthaltes in Norwegen entstanden. – Unter Einsatz von Moos, das so gewissermaßen selbst zu erzählen begann. Diese Auflösung der Trennung zwischen Gemachtem und Gewordenem ist gleichbedeutend mit der Aufhebung der Grenze zwischen Kultur und Natur. Viel zu sehr hat sich, zumindest in der westlichen Welt, der Irrglaube festgesetzt, dass der Mensch (und mit ihm die Kultur) getrennt von der Natur zu betrachten sei. Eine Entfremdung, die, wie wir alle wissen, mittlerweile katastrophale Folgen hat. In der Weissagung der Seherin versinnbildlichen die Wölfe das Entfesselte, Wütende und Gefährliche. Auch diesen Teil unserer Natur versuchen wir abzuspalten, einzuhegen – wie die Wölfe hier im Film. Und dennoch (oder wer weiß, vielleicht auch deshalb) herrscht heute in mancher Hinsicht, was die Seherin als finsteres Untergangsszenario beschreibt. Noch einmal das Zitat: «Axtzeit, Schwertzeit, gespaltene Schilde, Windzeit, Wolfszeit, bis die Welt zu Grunde geht». Und so mahnt uns die Seherin, eben das ist ihr Vermächtnis, das Trennende zu überwinden und unsere Verbundenheit mit der Natur, unsere Erdverbundenheit, unsere Verbindung untereinander und zu unserem uralten, tieferen Wissen von dem, was uns eint, wiederzuentdecken. Hier, in dieser eindrucksvollen Installation, die ich so klug gemacht und ausdrucksstark finde, dass sie schon in die Sedimente meines Ichs gesickert ist, hier hebt die Seherin inmitten verkohlter Eschenzweige den Finger und fragt: «Wisst ihr nun noch etwas»?

The Legacy of the Seeress
The Legacy of the Seeress

Photos: Ulla Kuehnle

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