Sabine Kuehnle
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen

Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen, 2015
black painted wood, blankets, building site lamps, copies of works by Else Blankenhorn, coloured fir tree, female and male arm of mannequins, foam, gaffa tape, gold dust, gold leaf, mirrors, plaster, plasterboards, portraits of Jean Marais as Orphée and Else Blankenhorn, quartz sand, tree roots, video projection

This work was created in collaboration with Doris Noell-Rumpeltes (†), Hans-Prinzhorn-Archive and Atelierfrankfurt
Prinzhorn Collection, Heidelberg
Atelierfrankfurt

In this work I deal with the largely unknown work of the artist and psychiatry patient Else Blankenhorn (1873-1920) in relation to the myth "Orpheus and Eurydice". The paper works shown in the installation are copies of Else Blankenhorn's work. The video projection shows the sky over the abode of Blankenhorn, the Sanatorium Bellevue in Switzerland, in an one-hour loop.

Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else

… She inscribes her own work in the work of an extraordinary female Orpheus, the German painter and poet Else Blankenhorn. We soon see how this Orpheus is also Eurydice; it could not be otherwise. In a sort of inherent recursiveness, the contemporary artist opens her act of inscription also to the viewer. As we step slowly into her installation, we find ourselves in a room where the work of creative memory is active all around us. The sand on the floor both preserves the visitor’s footprints and gives him/her the soft sensation of going into another realm. It is an inner but concrete dimension in which the act of memory is not just the intentional recovery of some more or less forgotten past, but a peculiar possibility of creation which (every time) recognizes itself as an individual act that is positioned at the point of conjunction with someone else’s creative acts. By Francesco Giusti read more

Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen
Orpheus & Else
Orpheus & Else oder die Überfülle des Lebendigen

Photos: Ulla Kuehnle

…Dass Orpheus zurückblickte (respicere), war kein einmaliger Akt mit all seinen tragischen Konsequenzen. Indem er sich das erste Mal umwendet, um nach der hinter ihm gehenden Eurydike zu sehen, setzt er eine Wiederholung in Gang, die sein eigenes Selbst für immer ändert. Die „bessere Stimme“ des Dichters, der einen so schmerzlichen Verlust erfahren hat – durch den Tod eines geliebten Menschen öffnete sich plötzlich eine Lücke in der Ordnung des Realen –, ist eine Stimme, die ihre eingebildete Selbstgenügsamkeit verloren hat. Um Zugang zu der Dimension zu erlangen, in der Tod und Leben nicht mehr zu unterscheiden sind, muss das Subjekt sein gewohntes stabiles Selbst auflösen und willens sein, unentwegt an der Erschaffung eines neuen Selbst zu arbeiten, das in seiner Struktur die Anwesenheit des Anderen akzeptiert. Von Francesco Giusti mehr…

Tännchen

untitled (homage to Else Blankenhorn), 2018
bronze, colour
60 x 26,5 x 25 cm
with various found objects
(studio view, 2021)

Markgräfler Museum Müllheim

Else Blankenhorn und der Himmel über dem Bellevue
Den Werken Else Blankenhorns begegnete ich erstmals 2009, in der Ausstellung „Surrealismus und Wahnsinn“ in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. Ich wusste sofort, dass ich mehr über sie und ihr Schaffen erfahren wollte. Durch Doris Noell-Rumpeltes, die Blankenhorn-Expertin der Sammlung, durfte ich nach und nach ihr umfassendes Œuvre kennenlernen. (Danke, Doris!) Vor allem die Blankenhorns Werk inhärente Auferstehungsthematik und deren künstlerische Umsetzung hat mich stark beeindruckt und passte gut zu meiner damaligen Beschäftigung mit dem Orpheus-Mythos. So entstand die Idee einer Rauminstallation, in der sich Orpheus und Else begegnen und in einen Dialog treten – zwei, die in übermenschlicher Mission versuchen, die Geliebte beziehungsweise alle beerdigten, doch nicht verstorbenen Liebespaare wieder ins Leben zurückzuholen.
Während der Recherchen für dieses Projekt besuchte ich Orte, die im Leben von Else Blankenhorn eine Rolle spielten. Welche Landschaft prägte sie? Was hat sie inspiriert? Meine Reise führte mich von Karlsruhe über Müllheim in die Schweiz. Auf dem Gelände des ehemaligen Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen dann die Ernüchterung: Das Haus Tannegg, das 1906 zum Zuhause und Schaffensort von Else wurde, existierte nicht mehr. Neubauten machten sich auf dem Gelände breit. Das umgebaute Haupthaus, weitere renovierte Gebäude, ein kleiner Bestand alter Bäume und einige Backsteinreste sind die einzigen Zeugnisse ihrer Zeit, die ich dort noch finden konnte. Ich habe mich ins Gras gelegt und in den Himmel geschaut. Große, schöne weiße Wolken, wie sie in manchen Gemälden und Zeichnungen von Else auftauchen, zogen vorüber. Da war sie dann zu finden. Else Blankenhorn. Im Wolkenheim.
Das Oben, das Unten und beider Umkehrung thematisierte ich als ein Aspekt in der Mixed Media Installation „Orpheus & Else, oder die Überfülle des Lebendigen“(2015). Neben der Installation, die auf der Metaebene den Mythos Orpheus & Eurydike behandelt, wollte ich ihr, Else Blankenhorn, noch eine weitere, sehr persönliche, Arbeit widmen. Vorbild hierfür war das „Tännchen“, das als Schutzelement durch ihr gesamtes Werk mäandert. Meine Hommage für sie, ein mit den Wurzeln schwebendes Tännchen aus Bronze, spielt auch auf die innere Heimatlosigkeit an, die oft Bedingung für ein Künstlerdasein ist.
SK

Edition:

Atropos

Atropos, 2014
print, edition of 10 + 2 A.P.
48,3 x 33 cm with frame

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